„ICH WÜRDE DA NICHT LEBEN WOLLEN.“ – Interview mit einer Pflegekraft

„ICH WÜRDE DA NICHT LEBEN WOLLEN.“ – Interview mit einer Pflegekraft

Angela Merkel sagte vor nicht allzu langer Zeit: „Deutschland geht es gut und das ist ein Grund zur Freude.“ Ach ja wirklich? Hat sie dabei an die teils menschenunwürdigen Bedingungen für Pfleger und Pflegebedürftige gedacht? Wohl kaum…

Es ist still um die Altenheime. Zu still. Hin und wieder meldet sich hier und dort jemand zu Wort, welcher mit teilweise unfassbaren Informationen an die Öffentlichkeit geht. Der Spülgel Redaktion hat sich die Gelegenheit ergeben, mit einer Pflegekraft zu sprechen, die jahrzehntelang in der Pflege tätig war. Wir sprachen mit ihr über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Pflege in Altenheimen und mussten ihr letztlich in der abschließenden Beurteilung zustimmen: Wir würden da nicht leben wollen! Und wir fügen noch hinzu: So würden wir dort auch nicht arbeiten wollen!

Das folgende Interview wurde geführt von S. Hiller

Guten Tag Frau E. Sie haben sich freundlicherweise dazu bereit erklärt, uns ein Interview zum Thema „Alt werden im Pflegeheim“ zu geben. Wir wollen darin näheres über die Zustände in Pflegeheimen erfahren. Zunächst würde mich interessieren, wie sind Sie zur Pflege gekommen sind und was Sie sich darunter vorgestellt hatten, bevor Sie anfingen, in der Pflege zu arbeiten?

Eigentlich war es für mich eine Notlösung. Ich hatte beim Deutschen Roten Kreuz die Ausbildung zum Rettungssanitäter mit sehr guten Noten abgeschlossen. Aber als ich mich beim Krankenhaus bewarb, sagte man mir, dass ich als Frau nicht für den Dienst im Rettungswagen eingestellt werden könne, weil ich keine schweren Lasten tragen durfte. Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Als man mir dann die Stelle im Pflegeheim anbot, hatte ich mich mit dem Berufsbild des Altenpflegers noch nicht auseinandergesetzt, in meiner Ausbildung ging es hauptsächlich um die Versorgung von Unfallopfern. So wusste ich nicht, was mich erwartet, ich war aber einfach nur froh, überhaupt Arbeit gefunden zu haben.

Sie haben dann in der Zeit von 1973 bis 2010 in verschiedenen Pflegeheimen gearbeitet. Wie war es dort? Hat sich die Altenpflege in dieser Zeitspanne irgendwie verändert?

Also in meiner Anfangszeit war es noch viel mehr „Alten“ als „Pflege“. Im ganzen Haus gab es nur wenige, die tatsächlich bettlägerig waren. Die meisten waren noch mehr oder weniger mobil und ihre Hilfsbedürftigkeit mehr oder weniger ausgeprägt. In den unteren Stockwerken glich es eher dem, was wir heute „betreutes Wohnen“ nennen. Ich leistete Hilfe zur Selbsthilfe, beispielsweise beim Ankleiden. Es waren auch noch einige Ehepaare da, die gemeinsam ins Heim eingezogen waren und sich bei so manchem auch gegenseitig unterstützten. Der Umfang der Pflegebedürftigkeit der Bewohner hat sich mit den Jahren dann aber schnell gesteigert.

Woran lag das?

Das Krankenhaus ist auf die damalige Heimleitung mit der Bitte herangetreten, man möge doch zukünftig Patienten direkt nach der stationären Behandlung aufnehmen. Davor war es meistens so gewesen, dass die Patienten nach einer gewissen Zeit im Krankenhaus von den Angehörigen zu Hause weiter betreut wurden. Damals war man einfach Teil des Familienlebens, bis ins hohe Alter. Aber es vollzog sich ein gesellschaftlicher Wandel: Auch viele andere Frauen wollten oder mussten jetzt arbeiten und hatten, zumindest in der Stadt, nicht mehr die Möglichkeit und die Zeit, sich zu Hause um die Alten zu kümmern. Für uns Pfleger hieß das, dass wir uns nun verstärkt mit Menschen auseinandersetzen mussten, die bettlägerig und voll pflegebedürftig waren. Sie hatten Katheder, Sonden, wurden künstlich ernährt oder hatten auch künstliche Darmausgänge. Dadurch verlagerte sich unser Schwerpunkt.

Die nächste große Veränderung kam mit der Einführung der Pflegeversicherung. Die hat ganz schön hart in unserem Alltag eingeschlagen. Von da an mussten wir jeden einzelnen Handgriff unseres Tuns schriftlich niederlegen und dokumentieren, weil eben auch nach diesen einzelnen Handlungen abgerechnet wurde. Die Handgriffe wurden in Zeiträumen bewertet. Da kamen welche vom Controlling zu uns und haben uns bei der Arbeit begleitet – mit der Stoppuhr! Für jede einzelne Handlung haben sie den Zeitbedarf dokumentiert und später durften wir dann eben auch nicht mehr länger brauchen. Was ein Irrsinn ist, denn wir arbeiten am Menschen, und Menschen verhalten sich nicht jeden Tag gleich. Die Dokumentation verschlang jedenfalls einen immer größeren Anteil unserer Arbeitszeit. Und auch die Übergabe an die nächste Schicht. Da wird jeder einzelne Patient besprochen: Zustand, Maßnahmen, Besuche. Das ist sicher notwendig und auch richtig, aber es braucht eben viel Zeit. Mittlerweile gibt es ja Computerprogramme für die Dokumentation, die wir anfangs mit der Hand schrieben. Darauf wird ja jetzt bei der Ausbildung zum Altenpfleger auch sehr viel Wert gelegt, auf diese Programme.

Wie würden Sie die Anforderungen an eine junge Pflegekraft heute beschreiben? Würden Sie sagen, dass ein junger Mensch heute Mut braucht, um sich für diesen Beruf zu entscheiden?

Ha, das will ich meinen! Vielfach wissen die jungen Leute gar nicht, worauf sie sich da einlassen. Sie behandeln in der Schule alles in der Theorie, wobei wie gesagt viel Wert auf die Beherrschung der computergestützten Dokumentation gelegt wird. Sie machen zwar Praxiseinheiten, aber da werden sie immer von diplomierten Kolleginnen unterstützt. Sie kriegen schon mit, was so abläuft, aber sie tragen keine Verantwortung. Eine frisch ausgebildete Altenpflegerin ist meiner Ansicht nach mitnichten darauf vorbereitet, was es bedeutet, ganz allein für so viele Menschen verantwortlich zu sein. Und dabei müssen sie noch froh sein, wenn sie überhaupt einen Ausbildungsplatz bekommen. Ich habe nämlich selber erlebt, wie junge Leute günstig als Praktikanten eingestellt wurden, mit dem Versprechen, später eine Ausbildung im Betrieb machen zu können. Aber diese Versprechen wurden allzu oft nicht eingehalten und wenn die Praktikantin dann ging, wurde die nächste eingestellt.

Gab es Situationen, die Ihnen besonders unangenehm waren?

Das einzige, was mir eben unangenehm war, war dass ich nicht genügend Zeit hatte. Wenn man so wenig Zeit hat, bleibt am Feierabend oft das unangenehme Gefühl, nicht alles geschafft zu haben. Selbst wenn man formal alles erledigt hat, ist man dem eigenen Anspruch ans Tun nicht gerecht geworden. Es geht schließlich um Menschen. Und das Menschliche bleibt unter Zeitdruck doch manchmal auf der Strecke.

Wie muss man sich das in der Praxis vorstellen? Wieviel Zeit hatten Sie pro Patient? Was musste in dieser Zeit alles geleistet werden?

In der Praxis ist es ja nicht unbedingt so, dass man pro Patient auf eine bestimmte Minutenanzahl beschränkt ist. Aber man muss eben innerhalb seiner Arbeitszeit bestimmte Aufgaben erfüllen.

Welche Aufgaben sind das konkret?

Die Bewohner müssen versorgt sein, das heißt, sie müssen alle Mahlzeiten bekommen, sie müssen geweckt, gewaschen, angezogen werden, zu ihren Therapien gebracht und wieder geholt werden, Arztvisiten müssen abgestimmt werden, und schließlich müssen sie wieder zu Bett gebracht werden. Bei bettlägerigen Patienten muss umgebettet und eingecremt werden, die Instrumente müssen kontrolliert und Medikamente verabreicht werden. Vieles hängt davon ab, wie weit der jeweilige Bewohner noch selber mitmachen kann. Bei bettlägerigen Patienten, müsste man beispielsweise beim Waschen eigentlich zu zweit sein, aber oft ist man doch allein. Gott sei Dank gibt es mittlerweile die ganzen technischen Hilfsmittel wie Lifter, trotzdem muss man sich oft auf das Allernötigste beschränken, denn gespart wird an den Hilfsmitteln genauso wie an der Zeit. Vor allem die Mahlzeiten waren immer eine schwierige Sache.

Mussten Sie viele Patienten füttern?

Füttern darf man nicht sagen, man sagt „Essen geben“. Auch Patienten darf ich eigentlich nicht mehr sagen. Bei uns wurde tatsächlich der Begriff „Klienten“ eingeführt, das ist kein Witz! Nach Außen wurde aber meist „Bewohner“ gesagt, das klingt weniger schlimm.

Aber Sie hatten nach dem Essen gefragt. Die Mahlzeiten waren immer eine schwierige Sache. Viele Senioren haben einfach keinen Hunger. Die muss man regelrecht überreden, etwas zu essen und vor allem auch zu trinken. Viele haben auch Zahnprobleme und bekommen dann passiertes Essen, das sie aber nicht wollen. Da muss man mit Engelszungen reden und das ist unglaublich zeitaufwändig. Ich erinnere mich an eine Situation, als ich zum Mittagessen ganz allein auf Station war. Es war nicht zu machen, ich habe es einfach nicht geschafft. Aus lauter Verzweiflung rief ich meine Tochter zu Hause an und bat sie, zu kommen und mir zu helfen. Das war natürlich außerhalb jeder Vorschrift, aber wie hätte ich es denn machen sollen? Für jeden, der bei uns einigermaßen verantwortungsvoll arbeiten wollte, war sowieso klar, dass man auch die Pausen, die einem eigentlich zugestanden wären, durcharbeiten musste, und dass man immer über die normale Arbeitszeit hinaus bleiben muss. Ich bin oft ein, zwei oder drei Stunden länger dagewesen. Aufschreiben konnte man diese Überstunden meist nicht, das wurde nicht gern gesehen. Aber in manchen Situationen hat selbst dieser Einsatz einfach nicht gereicht.

Kam es in Ihrer aktiven Zeit zu Folgeerkrankungen aufgrund unsachgemäßer Pflege?

Ja, da habe ich mehrere Fälle gesehen. Bei beleibteren Bewohnern muss man beispielsweise sehr sorgfältig waschen, vor allem zwischen den Bauch- und Schenkelfalten. Wenn das dann eben von jemandem nicht so sorgfältig gemacht wurde, kam es zu bösen Entzündungen, deren Heilung dann Wochen dauern konnte und deren Behandlung uns letztendlich noch mehr Zeit kostete.

Ich persönlich erlebte eine schlimme Situation, als ich einer Frau, die prophylaktische Sturzhosen tragen sollte, keine anziehen konnte, weil einfach keine da waren. Die Dinger waren alle in der Wäsche. Das kam öfter vor, weil sie nicht doppelt bevorratet wurden, daran wurde eben auch gespart, aber die Bewohner sind oft inkontinent und die Hosen daher oft zu wechseln. An diesem Tag ist die Frau dann tatsächlich gestürzt und brach sich den Oberschenkelhals.

Wer ist in so einem Fall verantwortlich, wenn solche Folgeerkrankungen oder Schäden entstehen?

In erster Linie ist das Heim verantwortlich, das wird auch durch deren Haftpflicht gedeckt. Aber die Leitung kommt dann natürlich auf einen zu und versucht möglichst, das den Mitarbeitern anzulasten. Nach außen wird es gern so dargestellt, dass die Mitarbeiter die Schuld tragen. Ich habe damals auch eine Abmahnung bekommen.

Wurden im Heim aufgrund des Zeitmangels auch mal Medikamente gegeben, um Bewohner ruhig zu stellen, weil man keine Zeit hatte, sich zu kümmern? 

Ich habe davon gehört, dass so etwas vorkommt. In den Häusern, in denen ich gearbeitet habe, habe ich das nicht beobachtet. Dort war die Medikamentenvergabe sehr streng geregelt. Man durfte nur auf ärztliche Anordnung Medikamente geben, wenn kein Arzt da war, musste man anrufen und sich die Erlaubnis holen, die er dann bei der nächsten Visite gegenzeichnete. Diese Protokolle wurden auch bei den Qualitätskontrollen überprüft. In anderen Häusern, die vielleicht keine oder andere Qualitätssiegel haben, wird das durchaus lascher gehandhabt.

Wie haben die alten Menschen auf diese Zustände reagiert?

Die letzte, also schlimmste Zeit, habe ich sowieso in der Demenzabteilung gearbeitet. Die haben das nicht mitbekommen. Die waren dankbar für jede Zuwendung und sei sie auch noch so kurz oder unfreundlich, den Unterschied haben sie nicht wirklich wahrgenommen. Umso mehr fühlte ich mich verantwortlich. Ich habe mir dann eher noch mehr Mühe gegeben, ich meine man baut ja über die Jahre auch persönliche Beziehungen zu den Bewohnern auf, also ich zumindest. Die jüngeren Kolleginnen wurden darauf geeicht, die Arbeit streng nach Vorschrift zu erledigen und mussten ihr Hauptaugenmerk auf die Dokumentation legen.

Und die Angehörigen? Wie haben die reagiert? Sind gewisse Anforderungen an die Pflege nicht auch vertraglich festgelegt?

Die Angehörigen haben sehr unterschiedlich reagiert. Es gab Angehörige, die öfter kamen und uns unterstützt haben, beim Essen geben oder auch bei den Gängen auf die Toilette. Aber es gab auch die, die sich tatsächlich auf die Verträge berufen und den Standpunkt vertreten, dass sie unsere Arbeit schließlich teuer bezahlen. Normalerweise bekommen Mitarbeiter die Verträge ja nicht zu Gesicht, aber einmal wurde mir tatsächlich von einem Angehörigen einer vorgelegt, der sich beschwerte. Es ging darum, dass sein Vater seine Zahnprothese nicht trug. Der Angehörige drängte darauf, dass wir sie einzusetzen hätten, das stünde auch so im Vertrag. Er erhoffte sich dadurch, dass sein Vater mehr Essen würde, denn der hatte abgenommen. Alle Patienten müssen mindestens einmal im Monat gewogen und die Ergebnisse festgehalten werden. Was der Angehörige nicht wissen wollte, war, dass sein Vater die Prothese nicht wollte, weil sie ihm nicht mehr richtig passte und darum wehtat. Auf sein Drängen hin setzten wir sie wieder ein, woraufhin der Patient noch weniger aß. Aber das bekam der Angehörige nicht mehr mit, der war dann schon wieder weg. Jedenfalls gab es wirklich sehr kritische Angehörige, die Forderungen stellten oder sich gleich bei der Pflegedienstleitung beschwerten. Ich persönlich habe mich immer bemüht, allen Patienten gerecht zu werden, aber es hängt eben stark von der Persönlichkeit der Pflegerin ab, wie sie mit dem Druck umgeht.

Wie war denn das so bei Ihren Kolleginnen?

Also die Kolleginnen, da gibt es eine wichtige Unterscheidung. Ich zum Beispiel war ja keine gelernte Altenpflegerin, ich war keine examinierte Kraft. Und manche Sachen dürfen eben nur examinierte Kräfte machen. Zu meinen Anfängen war das kein Problem, weil immer mindestens eine examinierte Kraft pro Wohnbereich und Schicht da war. Aber mit der Zeit wurden immer mehr ungelernte Kräfte und Praktikanten eingestellt, so dass oft nur noch eine examinierte Kraft pro Stockwerk anwesend war. Für mich auf der geschlossenen Demenzstation stellte sich dann oft die Frage, ob ich jetzt tatsächlich meine 12 Bewohner allein lasse und die Tür abschließe, um rüberzugehen und etwas zu fragen oder sie zu holen. Klar, wir hatten auch Haustelefon, aber die Situationen ergeben sich so schnell und man kann ja auch nicht dauernd anrufen, die examinierte Kollegin hat schließlich selber auch 12 oder mehr Bewohner allein zu versorgen. Sie muss dann ja ebenfalls am Telefon abschätzen, ob sie mir die Aufgabe überträgt, oder ob sie ihre Bewohner allein lässt. Wenn ich mit den Leuten alleine war und es ist beispielsweise einer hingefallen. Da fühlt man sich total allein gelassen. Bis da Hilfe kommt, vergeht eine Zeit. Meine erste Ansprechpartnerin in so einem Fall ist die diplomierte Kollegin. Aber die muss ja wie gesagt auch erst schauen, dass sie ihre Leute versorgt bekommt, bevor sie in die Wege leiten kann, dass jemand zu mir kommt. Dieses Dilemma wurde mir schließlich zum Verhängnis. Einer Bewohnerin war schlecht geworden und ich bat ihr Tropfen an. Sie wollte sie nicht und ich habe ihr dann einen Kamillentee gemacht. Aber es kam raus, dass ich ihr die Tropfen angeboten hatte: Das hätte ich nicht tun dürfen, denn trotz meiner langjährigen Erfahrung war ich eben keine examinierte Kraft. Die Heimleitung lastete mir an, dass ich warten und eine diplomierte Kollegin hinzuziehen hätte müssen, bevor ich der Bewohnerin die Tropfen anbot. Dieses Vergehen führte letztlich zu meiner Entlassung, ein Jahr vor meiner offiziellen Rente. Inoffiziell wussten wir alle, dass diejenigen unter uns mit einem Altvertrag auf der Abschussliste standen, denn die neueren Verträge waren für den Träger viel günstiger. Es war die ganze letzte Zeit ein Drahtseilakt gewesen.

Aber gibt es denn da keine Gewerkschaft oder so etwas, die die Arbeitnehmerinnen da schützt?

Bei uns gab es die Mitarbeitervertretung. Ich war selber einige Zeit in der MAV und habe immer versucht, deutlich zu machen, dass wir einfach mehr Personal brauchen. Vor allem, nachdem der verbindliche Zivildienst wegfiel, war es schlimm. Die Zivis waren uns eine große Hilfe gewesen, vor allem beim Essen geben. Das gab dann auch den Ausschlag, dass meine Bitten endlich erhört wurden. Aber leider handelte es sich bei den meisten Neueinstellungen um ungelernte, teils absolut branchenfremde Kräfte oder um Praktikanten, die nicht lange blieben. Die Zeit, die wir durch das Mehr an Personal gewannen, wurde also durch den Aufwand, die Kräfte anzuleiten, wieder zunichte gemacht. Es war immer stark abhängig von der Persönlichkeit der Heimleitung, inwieweit die Mitarbeiter unterstützt wurden. Ich kann mich an einen streng christlichen Heimleiter erinnern, der unsere Anliegen immer sehr ernst nahm. Aber spätestens nach der Fusion unseres Heimes mit einem großen Träger waren auch die Heimleiter an die Vorgaben des Trägers gebunden und in ihren Entscheidungen eingeschränkt. Als der Neubau unseres Heims geplant wurde, hatte die Leitung tatsächlich nach Vorschlägen und Wünschen der Mitarbeiter in Bezug auf räumliche Anordnung und Arbeitsabläufe gefragt. Wir hatten uns da richtig Mühe gegeben und es gab einige Sitzungen außerhalb der Arbeitszeit. Umso enttäuschter waren wir dann, als der Neubau fertig war und wir feststellen mussten, dass die meisten unserer Vorschläge wohl in den Papierkorb gewandert waren. Besonders krass war, dass wir für die Demenzstation einen Gartenzugang vorgeschlagen hatten. Der wurde dann an die Palliativstation gebaut, also dorthin, wo die Patienten überhaupt nichts davon hatten.

Wie kamen Sie mit der Situation klar, haben Sie die Zustände bei Ihrer Arbeit auch im Alltag oder im Privatleben beeinflusst oder belastet?

Belastet manchmal schon. Oft ging man nach Hause und dachte: „Ach hätte ich doch dies oder jenes noch geschafft“ oder „ Habe ich auch nicht vergessen, die Nachtwache über dieses oder jenes zu informieren?“ Manchmal bin ich dann im Kopf schon den nächsten Tag durchgegangen und habe mir alles schon schön organisiert. Da geht es den Pflegekräften auch nicht anders als anderen Berufsgruppen. Aber wenn man dann am nächsten Tag kam und feststellen musste, dass ein Bewohner just in diesem Moment in den Flur gepinkelt oder sein Bett bespuckt hat, dann muss man eben in der Situation handeln und da als erstes hinspringen, wo man gebraucht wird. Den zurechtgelegten Plan kann man dann ebenso vergessen wie den Gedanken, an diesem Tag alles zu schaffen.

Jetzt, da Sie offiziell in Rente sind, ist Ihr Ehemann pflegebedürftig geworden und Sie pflegen ihn selbst zuhause. Welche Unterschiede sehen Sie zu den Verhältnissen im Heim?

Das ist so ein großer Unterschied, das ist ja gar kein Vergleich. Wenn man nur einen statt 12 betreut, da kann man ja ganz individuell auf die Bedürfnisse eingehen. Auch bin ich niemandem Rechenschaft schuldig, ich kann mir Zeit nehmen, solange ich will und die Dinge so machen, wie es für uns beide angenehm und richtig ist. Früher hat mein Mann meinen Beruf oft belächelt. Er war der Meinung, dass er in seiner Position viel mehr Verantwortung trüge. Aber jetzt ist er doch dankbar für mein Wissen und meine Erfahrung.

Haben Sie Angst davor, selber mal als Bewohner in ein Heim zu kommen?

Auf jeden Fall. Gerade weil ich weiß, dass die jungen Pflegerinnen die Altenpflege eher als Beruf ansehen, mit dem sie Geld verdienen, und weniger als Dienst am Menschen. Die Zuwendung heute ist eine ganz andere. Ich hatte es immer so gesehen, dass menschliche Wärme auch zum letzten Stück des Weges gehört. Ich sehe ja ein, dass die jüngeren den Vorschriften, Standards und Dokumentationen ein höheres Gewicht beimessen, das müssen sie auch, wenn sie ambitioniert sind und eventuell selber einmal Stationsleitung, PDL oder HL werden wollen. Es kommt eben ganz stark auf die Persönlichkeit des Einzelnen an, wie er zu seinem Beruf steht, ich will da auch nicht alle über einen Kamm scheren. Aber wie gesagt, nach dem, was ich gesehen habe, hätte ich große Angst, wenn ich wüsste, dass ich in ein Heim muss.

Das ist ja schon hart, wenn Sie sagen, sie würden in keinem der Heime, in denen Sie gearbeitet haben, selber leben wollen. Wir alle werden früher oder später in die Situation kommen, dass wir uns nicht mehr allein versorgen können. Was können wir dann tun?

Ich sehe da keine konkrete Möglichkeit. Wenn zu Hause keiner die Pflege übernimmt, ist man dem System ausgeliefert. Je nachdem, wie wohlhabend man ist, kann man sich vielleicht einen Platz in einem kleinen, privaten Heim leisten, einen Pflegedienst, der nach Hause kommt. In meiner Nachbarschaft gibt es zum Beispiel auch polnische Pflegekräfte, die für ein halbes Jahr bei den Senioren einziehen und sie versorgen. Ich finde das positiv. Über die Zeit, die die Pflegerinnen da sind, bauen sie eine richtige Beziehung mit den Senioren auf, sie kümmern sich gut um die Leute und es bietet eben die Möglichkeit, dass man zu Hause bleiben kann. Aber das können sich natürlich nur wenige leisten. Wenn sie noch mitentscheiden dürfen, in welches Heim sie kommen, kann man auch beim Landratsamt nachfragen. Die veröffentlichen und kontrollieren die Qualitätsstandards und es gibt eine Qualifizierungsnote, nach der die Heime bewertet werden. Letztlich ist das aber alles keine Garantie. Man kann dann nur hoffen, dass noch einige liebevolle Pflegerinnen im Team sind.

Sehen Sie Pflegeheime als ein Modell der Zukunft?

An sich schon. Viele Angehörige sind Einzelkinder oder die Geschwister leben zu weit weg, um die Last der Pflege mit ihnen zu teilen. Und es ist ja auch nicht alles negativ, das möchte ich auch mal sagen. Vor allem bei den Bewohnern, die noch fit im Kopf sind, merkt man, wie schön die Gemeinschaft für sie ist. Sie merken, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind und finden Gleichgesinnte. Es gibt auch umfangreiche Angebote der Beschäftigungstherapie, und auch Physio- oder Ergo sind im Heim immer verfügbar. Es gibt zwar auch Dienste, die nach Hause kommen, aber das ist meist doch etwas umständlicher.

Gibt es Profiteure und Leidtragende des aktuellen Pflegemodells?

Profiteure sind auf jeden Fall die großen Träger. Leidtragende sind Bewohner und die Mitarbeiter auf den unteren Ebenen, an der Basis.

Wie empfinden Sie die aktuelle Medienberichterstattung zur Pflege?

Mittlerweile tut sich da ja was. Viele Zeitungen berichten über die Zustände in der Pflege. Ich freue mich, dass das Thema überhaupt angesprochen wird, früher war das ja eher ein Tabu.

Was sind, Ihrer Meinung nach, zusammengefasst die größten Probleme an der derzeitigen Situation?

Das größte Problem ist eindeutig der Mangel an Zeit. Alle anderen Probleme ergeben sich daraus.

Welche Chancen und Risiken sehen Sie für die Entwicklung in der Pflege der Zukunft? Was müsste Ihrer Ansicht nach geschehen und wer hätte die Möglichkeit, etwas zu verändern?

Der demographische Wandel in Deutschland muss in der Politik ernster genommen werden. Viele meiner ehemaligen Kolleginnen haben zum Beispiel den Wunsch, ein eigenes kleines Heim zu eröffnen, mit nur 4 oder 5 Bewohnern, in dem sie ihre Vorstellungen von Pflege richtig umsetzen könnten. Aber die ganzen Vorschriften und gesetzlichen Bestimmungen, was Räume und Buchhaltung betrifft, stellen unüberwindbare Hürden dar. In den großen Heimen werden die Wohngruppen zwar mittlerweile kleiner, aber auch zwölf Bewohner sind immer noch zu viel für einen alleine, vor allem, wenn sie dement oder bettlägerig sind. Hier könnte der Gesetzgeber sicher etwas tun und bürokratische Hürden abbauen.

Es muss auch einfach mehr Geld zur Verfügung stehen. Ich weiß nicht, ob hier unbedingt die Politik gefragt ist, oder die Arbeitgeber. Die Altenpflegeberufe müssten auf jeden Fall auch finanziell attraktiver gemacht werden. Die Anforderungen dieser Schichtarbeit stehen überhaupt nicht im Verhältnis zur Wertschätzung, auch finanziell nicht. Dann könnte man vielleicht auch mehr Männer für diese Berufe gewinnen. Das wäre wichtig, denn manche männlichen Senioren haben wirklich ein Problem damit, sich von Frauen pflegen zu lassen. Außerdem ist es wirklich teilweise auch ein Beruf, der körperliche Kraft abverlangt.

Letztlich sollten wir unsere Einstellung gegenüber den Alten überdenken. Ich weiß, es ist utopisch, sich die Großfamilien von früher zurückzuwünschen, in dem die Alten auch dann noch Teil des gemeinsamen Alltags blieben, wenn sie pflegebedürftig waren. Die Anforderungen der modernen Gesellschaft lassen das nicht mehr zu. Aber vielleicht lassen sich andere Wege finden und Gemeinschaften bilden. „Die Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt daran, wie sie mit den schwächsten Mitgliedern umgeht“, sagte Kohl damals in Anlehnung an Simone de Beauvoirs Forderung, dass sich „Jede Gesellschaft (…) daran messen lassen (muss), wie sie mit ihren Alten, Schwachen und Kranken umgeht.“ Es mag lange her sein, dass dies gesagt wurde, aber ich finde, dass es deshalb nicht an Gültigkeit eingebüßt hat.

Wir danken Ihnen für das Interview und wünschen Ihnen eine gute Zeit.


Weiterführende Infos findet ihr auf http://www.pflegeboard.de/

Ecosia listet 11.900 Links zum Suchbegriff „Katastrophale Zustände in Pflegeheimen“:

https://www.ecosia.org/search?q=katastrophale+zust%C3%A4nde+in+pflegeheimen

Hier haben wir für Euch noch eine besondere Empfehlung: Am 21.03.2015 ruft  Emilie an und berichtet über Zustände in der Geriatrie eines Hospitals (ab Minute 29:50 bis 43:50):

http://www.podcast.de/episode/263229574/Sendung%2Bvom%2B21.03.2015%2B-%2BThema%253A%2Boffen/


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